Die Geschichte der Rettungshundearbeit


Barry vom Großen St. Bernhard


Bild "Barry.jpg" Der Einsatz von Rettungshunden hat Tradition. Urvater ist Barry, der berühmte Bernhardiner des Klosters und Hospiz des Großen St. Bernhard, der in der Zeit der napoleonischen Kriege über 40 Menschen aufgespürt und so das Leben gerettet haben soll. Ob „Barry“ wirklich in der überlieferten Weise existiert hat, ist fraglich. Tatsache bleiben jedoch die Mönche des Hospizklosters auf dem Großen St. Bernhard und ihre Hundezucht, die man mit gutem Gewissen als die ersten Rettungshunde bezeichnen kann.
Der Pass am St. Bernhard ist neun Monate im Jahr zugeschneit. Damals war dieser Pass ein vielbenutzter Alpenübergang, dessen Gefahren jedoch meist unterschätzt wurden. So begannen Bergführer vom Hospiz aus mit regelmäßigen Rundgängen, um verirrten und in Not geratenen Menschen zu helfen. Dabei wurden sie immer von ihren Hunden begleitet, die dank ihres Geruchssinns viele Verirrte und auch Verschüttete aufspürten.
Diese Hunde wurden damals zur Suche nach Menschen im Schnee ausgebildet und systematisch an ihre „Aufgabe“ herangeführt. Oft sollen sie auch alleine in der Bergwelt unterwegs gewesen sein, um Menschen zu finden und in die sicheren Mauern des Klosters zu führen. Wie gesagt, wie viel von diesen Geschichten wahr ist und wie viel romantische Erzählungen sind, lässt sich heute mit Sicherheit nicht mehr sagen. Tatsache ist aber, dass diese Hunde existiert haben und mit Sicherheit auch in der Lage gewesen sind, diese Aufgaben zu erfüllen.
Wieviel Wahrheit an dem heute noch berühmtesten „Ausrüstungsstück“ der ersten Rettungshunde, dem Fässchen um den Hals, dran ist, ist ebenfalls zweifelhaft. Die Mönche benutzen nachweislich Packsättel an den Hunden, um in den Sommermonaten Frischmilch und andere Vorräte aus dem Tal zu holen. Ob diese Packsättel auch für die Rettungshundearbeit benutzt wurden, steht aber nicht fest. Und das Fässchen um den Hals des Hundes dürfte sich im tiefen Schnee schnell als unpraktisch erwiesen haben.


Die Sanitätshunde im ersten Weltkrieg


Bild "Bild Geschichte.jpg"Hunde wurden schon immer auch für Kriegszwecke eingesetzt. Bereits in den Kulturen der Frühzeit der Menschheit wurden sehr große Hunde des Mastiff-Typs als Kriegshunde eingesetzt. Griechische und  assyrische Armeen sandten ihren Kampftruppen Kriegshunde voraus, die das gegnerische Feuer auf sich ziehen oder den Feind aufspüren sollten. Häufig trugen diese Hunde Messer oder Fackeln am Halsband, um Tod und Verwirrung in die gegnerischen Reihen zu tragen.
Mit der „modernen Kriegsführung“ wurden Hunde für diese Zwecke überflüssig und nur noch als Meldehunde, die Nachrichten überbringen sollten, eingesetzt. Dann erkannte man aber, dass sich die Nase des Hundes auch sehr gut zum Aufspüren von verwundeten Soldaten nutzen ließ. Ab 1885 machte man sich in der deutschen Armee Gedanken über den Einsatz von Hunden, zunächst als Melder oder zum Transport von Munition. Der Tiermaler Jean Bungartz begann zusätzlich mit der Ausbildung von Hunden im Sanitätsdienst, die beim Aufspüren verwundeter Soldaten helfen sollten. 1890 gründete er den  „Deutsche Verein für Sanitätshunde“, der die Grundlage für die heutige Rettungshundearbeit legte. Die Kosten für Ausbildung und Unterhalt wurden von der Armee getragen, die Durchführung lag aber allein bei Privatleuten. Besondere Förderung gab es darüber hinaus für die Kriegshunde nicht. 1911 verfügte das Kriegsministerium sogar deren vollständige Abschaffung.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfuhr das Sanitätshundewesen einen deutlichen Aufschwung. Gab es am Anfang des Krieges nur knapp ein dutzend Sanitätshunde, erhöhte sich diese Zahl im Verlauf des Krieges aus über 4000, oft auf freiwilliger Basis von Privatleuten und Züchtern leihweise rekrutiert.
Im Krieg wurden die Ausbildungsmethoden weiterentwickelt und das Interesse an der Weiterführung der Sanitätshundearbeit geweckt. Das gesamte Hundewesen in Deutschland nahm einen Aufschwung, der größtenteils von Privatleuten getragen wurde, die Ausbildung von Sanitätshunden blieb aber weiter beim Militär. Eine Entwicklung hin zu den zivilen Rettungshunden gab es hingegen in der Schweiz, wo Ferdinand Schmutz 1940 mit der systematischen Ausbildung von Lawinenhunden begann.


Der Flächensuchhund im 2. Weltkrieg


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Im Zweiten Weltkrieg war der Bedarf an Hunden wesentlich höher als im Ersten Weltkrieg: An allen Fronten waren über 200 000 Hunde im Einsatz, von denen alleine auf der deutschen Seite 25 000 im Krieg starben. Der Bedarf an Hunden war so groß, dass die Besitzer geeigneter Tiere kurzerhand von der Wehrmacht enteignet wurden.
Es gab im Wesentlichen zwei Typen von Hunden: Der Flächensuchhund, der verwundete Soldaten aufstöbern sollte und der Lawinenhund. Bei der Suche nach Vermissten und Verschütteten entdeckte man zum Ende des 2. Weltkrieges die Fähigkeiten mancher Hunde, diese Personen in den zerbombten und eingestürzten Häusern aufzuspüren.
Ab Oktober 1944 setzte man mehrere dieser Hunde, zunächst noch ohne spezielle Ausbildung, für die Suche in den Trümmern ein. Dabei wurden alleine von vier Hunden 35 Menschen lebend gefunden.








Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg


Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete sich die Idee des Trümmerhundes auch außerhalb Englands und man machte sich Gedanken über die planmäßige Ausbildung solcher Hunde. In der Bundesrepublik Deutschland übernahm zunächst der Bundesluftschutzverband (BLSV) in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der Zuchtvereine und Gebrauchshundeverbände (AZG) die Ausbildung von Rettungshunden. Es war vorgesehen, jedem Selbstschutzzug einen Rettungshund zuzuordnen. Als 1968 der BLSV in Bundesverband für den Selbstschutz (BVS) umbenannt und umstrukturiert wurde, bedeutete dies das Ende für die Selbstschutzzüge und damit vorläufig auch für die Rettungshunde.
Wiederum in der Schweiz begann man jedoch ab 1968 die Arbeit mit Katastrophenhunden. 1972 wurde vom Schweizerischen Verein für Katastrophenhunde eine Ausbildungsanleitung herausgegeben. Nach und nach entwickelte sich auch in der öffentlichkeit ein Bewusstsein für Rettungshunde. Man erkannte, dass gut ausgebildete Hunde und Führer ein wertvolles Hilfsmittel bei der Ortung vermisster und verschütteter Personen darstellen, beispielsweise bei Bränden, Flugzeugabstürzen, Zugunglücken oder Erdbeben. Insbesondere die erfolgreichen Rettungshundeeinsätze bei Erdbeben 1967 in Italien, 1977 in Rumänien und 1980 in Algerien verstärkten das Vertrauen in die Hunde.
Bei den zuständigen Behörden in der Bundesrepublik Deutschland herrschte dennoch eine gewisse Technikgläubigkeit vor. Man glaubte, mit teuren Ortungsgeräten wesentlich effektiver arbeiten zu können als mit Hunden. Nach einer Gesetzesänderung im Jahre 1973 wurde die Ausbildung von Rettungshunden auf staatlicher Seite aus finanziellen Gründen aufgegeben. Der Staat setzte jetzt auf moderne Technologien: Sonden, Echolotgeräte und Ultraschall sollten die Hundenase mit ihren weit mehr als 200 Millionen Riechzellen, ersetzen.
Einige wenige Hundeführer gründeten im Jahre 1974 und 1975 die Rettungshundestaffeln Heilbronn (Unterland), Ulm, Rottweil und Pforzheim (Enzkreis). Daneben gab es nur einige wenige Rettungshunde bei den Feuerwehren in Rheinland-Pfalz und Hessen. Diese ausschließlich in Baden-Württemberg befindlichen privaten Rettungshundestaffeln gründeten im Jahre 1976 den Verband für das ­Rettungshundewesen Baden-Württemberg. Nachdem sich zwei private Rettungshundestaffeln in Hessen und eine weitere in Nordrhein-Westfalen gegründet hatten, wurde der Verband für das Rettungshundewesen Baden-Württemberg durch entsprechende Satzungsänderung zum „Bundesverband für das Rettungshundewesen” (BRH) erweitert, der später in den „Bundesverband Rettungshunde e.V.” (BRH) umbenannt wurde.
Bild "BRH Logo klein.jpg"Heute ist der BRH die größte Rettungshundeorganisation in Deutschland und eine der größten weltweit. 1993 war der BRH Gründungsmitglied der International Rescuedog Organisation (IRO). über den BRH sind zur Zeit 70 Mitgliedsstaffeln mit über 500 Rettungshunden im gesamten Bundesgebiet flächendeckend verteilt und ständig zum Einsatz bereit. Ein spezialisierter Auslandskader des BRH ist bei Erdbeben auch im Auslandseinsatz aktiv.
Lokale und überregionale Alarmierungen werden über die Dienststellen der Polizei, Feuerwehr, anderen Hilfsorganisationen oder Privatpersonen an die zuständige Staffel geleitet. Alarmierungen für Einsätze im Ausland gehen an die zentrale Einsatzleitung des BRH und werden mit dem BMA und/oder der IRO abgestimmt. Alarmierungen und Einsätze sind kostenlos.
Innerhalb der letzten zehn Jahre stieg die Anzahl der Alarmierungen kontinuierlich an. Nachdem im Jahre 2000 bereits bei 234 Alarmierungen unsere RH-Teams zu Einsätzen gerufen wurden, stieg diese Zahl im Jahre 2006 auf über 400.
Ein spezielles Einsatzkonzept mit integrierter Einsatzüberprüfung der Teams sichert, dass die Leistungsfähigkeit und Wirkungsweise ständig verbessert wird.

Quelle:
„Such und Hilf“, Angela Wegmann und Wilfried Heines, Kynos-Verlag, 2002